40 Jahre Brötchen.

„Brötchen gebacken zu haben, die den Leuten schmecken, ist ein Verbrechen, das man den Kommunisten so schnell nicht vergeben wird“
(Peter Hacks1)

Im gläsernen Sparkassenhäuschen am Augustusplatz treffe ich nachts einen Obdachlosen und vier junge Frauen. Er kauert in der Ecke; sie wollen Geld holen. Sie fragen ihn, wie „es“ läuft; er windet sich und sagt so naja. Während der Automat also die passenden Scheine zusammensucht, bieten sie ihm Zigaretten an; er erzählt gleich unaufgefordert seine Geschichte: er habe mal Frau und Kinder gehabt, aber ach usw. – dann kommt aber sofort seine Heldengeschichte: er sei auch damals ’89 auf der Straße gewesen gegen die Diktatur.
Die Zeiten, als man dafür Geld gekriegt hat, sind aber auch vorbei und die Frauen beeindruckt das nicht.
Herzlichen Glückwunsch, das hast du wirklich toll gemacht! Im Grunde begrüße ich sein Schicksal – immerhin einer, der die Rechnung auch präsentiert kriegt. Dem Heldenvolk Leipzigs kann man den ökonomischen und sonstigen Abstieg ja nur wünschen.

Dieses Blog ist kein Wohlfahrtsausschuss, arbeitet aber an dessen Aufbau.

Ein andermal kaufe ich im Ein-Euro-Buchladen im Westwerk zwanzig Bücher, darunter ein paar Leninbände. Eine Frau kommt aufgeregt auf mich zu: „Das können sie den Russen geben!“ Es stellt sich heraus, sie meint den Lenin; darauf mein blöder Einwand: „Das ist doch die deutsche Übersetzung“. Sie sieht es ein und dann ich weiß nicht warum beschwert sie sich über die zerrütteten Verhältnisse und dass ihr Familienleute keinen Job mehr kriegen. Ihr lautes Geschrei lockt eine Traube von Leuten an.
Eine Woche später berichtet mein Freund … , er sei auf einer Party gewesen und Leute hätten ihm heiter lachend genau diese Geschichte erzählt.

Es gibt Dinge, die sind wichtig zu verstehen. Nicht alle DDR-Oppositionellen sind Nazis oder Fabrikbesitzerfans. Manche sind auch arbeits- oder obdachlos oder Paulinersympathisanten und andere einfach verwirrt.

  1. leider nur sinngemäß zitiert – aus: A. Müller, Gespräche mit Hacks [zurück]

2 Antworten auf „40 Jahre Brötchen.“


  1. 1 Stanislaw Hirschfeld 31. Juli 2010 um 13:11 Uhr

    Ob’s dieses Hacks-Zitat war, das Du meintest, weiß ich nun nicht, aber um Brötchen geht’s:

    „Im DDR-Sozialismus gab es eßbares Brot und eßbare Brötchen, und die Theorie dazu gibt es bei Ulbricht. („Wir sollten nicht die Kinderkrankheiten des Imperialismus nachahmen.“) Ich möchte nicht die Schrippen von Herrn Kramps fressen.“

    Felix Bartels äußerte sich ebenfalls zu Brötchen. Und Schernikau bereiste bekanntlich die DDR und lieferte gleich eine umfassende Brötchen-Soziologie. Mir scheint, die Klügsten denken nicht aus Zufall über scheinbar so Kleines nach.

  2. 2 Jan Filip Geldsack 03. August 2010 um 22:15 Uhr

    Das war’s nicht, aber vielleicht habe ich mir das andere auch einfach ausgedacht? Ich weiß es nicht mal mehr, meine Ausgabe der Hacks-Müller-Gespräche kursiert seit längerem unter Freunden.

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